Wieder zuhause angekommen

Langenau, Donnerstag 12. Oktober 2017

Von Mailand fuhr ich via San Bernardino (die letzte Bewährungsprobe für meinen R4) bei traumhaften Wetter durch die Schweiz und durch den Pfändertunnel. Um 14.30 Uhr saß ich an meinem Stammtisch im Pflug. Dort hatte ich mich mit meinem Freund Kurt verabredet. Meine Stammtischbrüder staunten nicht schlecht mich nach fast sieben Wochen wieder zu sehen. Ich musste viele Fragen beantworten und war froh gesund wieder daheim zu sein.

Bilanz meiner vierten Tor:

Dauer der Reise: 47 Tage
Zurückgelegte Wegstrecken:

  • mit dem Auto: 4.762 km
  • mit den Fähren: ca. 810 km
  • mit öffentlichen Verkehrsmitteln: ca. 340 km
  • zu Fuß: 723.746 Schritte ( entspricht ca. 470 km)

Ich habe interessante Menschen kennengelernt, viele unvergessliche Momente erlebt und so manches kleinere Abenteuer überstanden.

„Das ist das Angenehme auf Reisen, daß auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt.“

Goethe

 

 

 

 

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Mailand

Mittwoch, 11.Oktober 2017

9.30 Uhr Abfahrt in Florenz. Tapfer hat sich mein vierrädriger Freund geschlagen – mühelos überquerten wir die Apenninen und waren eineinhalb Stunden später schon in Bologna. Stahlblauer Himmel, gemäßigtere Temperaturen und fallendes Laub machten mir endgültig klar – es ist Herbst! Ich hoffe nur, dass die kommenden Nächte nicht mehr so kalt werden wie die in Florenz. Bei 6 Grad Außentemperatur wird es in meinem Camper doch ordentlich frisch und feucht. Nach einer ausgiebigen Mittagspause fuhr ich mit dem Linienbus in die Stadt und besuchte nochmals das Archiginnasio (die Bibliothek der alten Universität). Ich machte noch einige Aufnahmen, die mir beim ersten Besuch entgangen waren. Danach ließ ich mich treiben und lief kreuz und quer durch das historische Bologna. Im Universitätsviertel ging ganz schön was ab – es hatte den Anschein, dass viele Studenten ihr Examen bestanden hatten. Überall wurde ausgelassen gefeiert und es herrschte im ganzen Viertel eine ungezwungene Heiterkeit.

Zurück am Campingplatz habe ich noch zu Abend gegessen, rauchte noch gemütlich ein Pfeifchen zu einem guten Tropfen und ging sehr früh ins Bett.

Im Morgennebel verlies ich Bologna. Via Modena, Parma und Piacenza erreichte ich zur Mittagszeit Milano. Alle diese berühmten oberitalienischen Städte, an denen ich nur vorbei fuhr, hätten es verdient gehabt sie zu besuchen. Doch dafür war keine Zeit mehr und wenn ich ganz ehrlich bin hatte ich auch nicht mehr die nötige Ruhe, diese Metropolen zu besichtigen. In Mailand hat Goethe, bevor er Italien verlassen hat, zwei Wochen verbracht. Leider findet man, wie schon von Siena, in seinem Buch der italienischen Reise keinerlei Vermerke darüber. Um dennoch ein Motiv mit nach Hause zu bringen war der Dom mein Ziel. Camping Village Citta Milano liegt, was die Anbindung an die Autobahn betrifft, sehr günstig. Dafür sind es aber bis zur Stadtmitte und zum Dom circa 9 Kilometer. Es gab drei Möglichkeiten dorthin zu kommen: Erstens zu Fuß – dauert zu lange und ist mir zu anstrengend. Zweitens mit öffentlichen Verkehrsmitteln – ist mir nach all den Tagen im Moment zu stressig. Drittens per Taxi – bequem aber teuer. Ich wählte die letzte Variante. Das Taxi war schnell zur Stelle und nach 20 Minuten und 30 Euro war ich am Dom.


Wie auf allen bekannten Plätzen auch hier dasselbe Bild. Touristen, Touristen und nochmals Touristen. Wie schon in Florenz hatte ich zeitweise das Gefühl in Japan oder China zu sein. Ich versuchte mich an die Jahre, an denen ich schon in Mailand war, zu erinnern, und bin der Meinung, dass es damals (vor über 30 Jahren) nicht so überfüllt und hektisch war. Die Bilder waren schnell gemacht und so besuchte ich noch die angrenzende Galleria Vittorio Emmanuele II und das nahegelegene Teatro alla Scala.

Eine Weile schlenderte ich noch bei sonnigem Wetter und angenehmen Temperaturen durch die Stadt und war dann bereit mich auf das Abenteuer Metro und öffentliche Buse einzulassen. Nach unzähligen Stopps an den Haltestationen und etwas mehr als eine Stunde später – dafür um nur 3 Euro leichter – war ich wieder auf meinem, für diese Reise, letzten Campingplatz. Viel ist, wie schon in Bologna, nicht mehr los – die Campingsaison geht so allmählich zu Ende. Die wirklich zuverlässigen Gäste, die sich jeden Abend  einstellen sind Moskitos. Dank eines elektrischen und eines echt schwäbischen „Muggabätschers“ haben die Plagegeister bei mir aber kein Glück.

Leider habe ich mich etwas erkältet und es sieht alles danach aus, dass die kommende Nacht auch wieder sehr kalt wird. Die Vorfreude auf die morgige Heimfahrt lässt dies aber leichter ertragen.

Die warmen Klamotten sind für Morgen schon bereitgelegt – nach 46 Tagen tausche ich zum ersten Mal meine kurzen Hosen und meine Sommerhemden gegen eine lange Jeans, ein Flanellhemd und eine warme Weste!

Ciao bella Italia!

 

Florenz

Montag, 9. Oktober 2017


Jacobo, mein Vermieter, war pünktlich zur Stelle. Es war verabredet, dass ich am 10 Uhr Siena verlassen werde. Der Abschied war herzlich und Jacobo meinte, er würde sich sehr freuen, wenn ich wieder kommen würde. Wer weiß?
Florenz war bald erreicht und ich bezog gegen Mittag meinen Stellplatz in Camping Firenze. Der Campingplatz ist groß, sehr modern und hat alles, was ein Camper braucht: saubere sanitäre Einrichtungen, einen kleinen Supermarkt, ein Restaurant mit Bar, ein Swimming Pool, freies WiFi und was für mich sehr wichtig war, einen Shuttle Bus Service in die Innenstadt. Der anfänglich mit Wolken verhangene Himmel lichtete sich immer mehr. So beschloss ich noch den Piazzale Michelangelo zu besuchen.

Dieser Platz oberhalb von Florenz ist der Treffpunkt in den Abendstunden. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf Florenz. Leider konnte ich nicht bis zum Sonnenuntergang bleiben – der letzte Bus fuhr schon am 18.30 Uhr. Bei Einbruch der Dunkelheit war der Wetterumschwung deutlich zu spüren. Das Thermometer fiel und fiel und ich musste mich auf eine kalte Nacht einstellen. Beim Morgengrauen waren es gerade mal 8 Grad. Als ich den Platz verließ war der Himmel wolkenlos und in der Sonne war es schon angenehm warm. Am 10 Uhr im historischen Zentrum angekommen war das erste Ziel der Dom von Florenz. Wie schon vermutet, lag die monumentale und einmalige Fassade des Doms noch im Schatten. Für ein gutes Foto also noch zu früh.

Also weiter über die Ponte Vecchio zum Palazzo Pitti mit seinem berühmten Garten, den Giardino di Boboli. In diesem riesigen Garten, mit seinen alten Bäumen, lauschigen Plätzen und viel Grün zu wandeln und der Hektik der Stadt, mit ihren Scharen von Touristen zu entfliehen, war eine richtige Wohltat. Am Brunnen des Neptun fand ich das passende Motiv für mein Vorhaben.

Ich verließ den Garten an einem Nebenausgang und erreicht kurze Zeit Später die Villa Bardini mit ihrem  gleichnamigen Garten. In dieser kleinen, phantasievollen angelegten Anlage eröffneten sich wunderbare Blicke auf die Stadt und den alles beherrschenden Dom.

Ich verweilte noch  im klassischen Kaffeehaus und machte mich dann sichtlich erholt erneut auf den Weg in die Stadt und zum Dom. Der war wie erhofft nun im „richtigen“ Licht und ich kam zu meiner gewünschten Aufnahme. Am Piazza della Signoria mit dem Palazzo Vecchio machte ich noch ein Bild von Michelangelos berühmter Skulptur – dem David.

Inzwischen war es sommerlich warm geworden und ich fuhr mit dem Shuttle Bus am 16.50 Uhr wieder zurück zum Campingplatz.

Beim Erreichen des Platzes sprang mir das leuchtende Blau des Swimmingpools ins Auge und ich konnte nicht umhin noch einige Runden im kühlen Nass zu Schwimmen. Was für Extreme: am Morgen bitterkalt und am Abend angenehm warm. Später verbrachte ich noch einige Zeit im Restaurant. Dort gibt es zehn verschieden Birro Dolomiti. Ich entschied mich für das Dolomiti Rosso, einem sehr würzigen roten Fassbier. Kleine Pizzahäppchen, verschiedene Dips und so mancherlei Knabberei wurden kostenlos dazu angeboten. Das Abendessen war gesichert. Jetzt sitze ich über meiner Arbeit und freue mich auf Morgen. Es geht nach Bologna und dann mit großen Schritten über Mailand Richtung Heimat. Wenn alles klappt bin ich am Donnerstag oder Freitag wieder in Langenau.

 

Siena

Samstag 7. Oktober 2107

Leider hat es wieder nicht geklappt. Die Datenübertragung ins Internet ist vom Campingplatz Fontemaggio einfach viel zu langsam und wird ständig unterbrochen. Ein vernünftiges Arbeiten war nicht möglich. Gegen meinen Plan, in Ruhe den Vormittag noch hier zu verbringen, fuhr ich direkt nach Assisi. Glücklicherweise kannte ich eine gute Parkmöglichkeit in der zurzeit völlig überfüllten Stadt (Fest des heiligen Franziskus). Nahe dem Tempel der Minerva auf der Piazza del Comune fand ich in der Bar Trovellesi einen geeigneten Ort für meine Arbeit. Die Verbindung war gut und so konnte ich, inmitten des starken Besucherandrangs in der Bar, alle Blogberichte mühelos online stellen. Von Assisi machte ich mich auf den Weg zu dem circa 130 Kilometer entfernten Siena. Am Abend zuvor habe ich mir im Internet einige Ferienwohnungen in Siena und Umgebung angesehen. Ich wollte in der Toskana auf keinen Campingplatz, sondern in einem möglichst typischen Landhaus wohnen. In Telfe, einem Stadtteil von Siena wurde ich fündig. Eine nette und gemütliche Wohnung bei einem ehemaligen Gutshof wird mein Quartier für die nächsten drei Tage. Bei meiner Ankunft wurde ich von der Großmutter, dem Großvater und von zwei Bediensteten empfangen. Mit der Konversation hat es nicht so richtig geklappt und ich war sehr froh, als der Sohn des Hauses, Jacobo, früher wie erwartet eintraf. Mit ihm hatte ich am Vortag telefoniert und wir konnten uns auf Englisch gut unterhalten. Es war sehr warm und ich genoss die Nachmittagssonne im Garten vor dem Haus.

Gegen Abend schmiedete ich Pläne für die nächsten zwei Tage. Mein Vorhaben von hier mehrere Orte, in denen ich vor vielen Jahren schon mal war, wieder zu besuchen habe ich schnell verworfen. Ich habe beschlossen an diesem ruhigen und schönen Ort zu bleiben und „nur“ Siena anzuschauen um meine Bilder zu machen. Die Anstrengungen der vergangenen Wochen forderten ihren Tribut: ich war erschöpft und fühlte mich ausgebrannt. Den zweiten Tag verbracht ich im Haus und im Garten und lies es mir so richtig gut gehen. Gutes Essen, guter Wein – vom Hausherrn – und viel Schlaf taten mir sehr gut. Am späten Nachmittag zog es mich dann doch in die Stadt. In den letzten Sonnenstunden spaziert ich durch Siena und genoss den einmaligen Flair dieser Stadt. Schnell noch ein paar Lebensmittel gekauft und wieder zurück in meine Oase der Ruhe.

Gegen 21 Uhr begann es plötzlich heftig zu regnen und ein Gewitter mit Hagel zog über den Hügel hinweg. Es wurde sichtlich kälter. Am Morgen war es wieder sonnig aber man spürte, dass sich der Sommer verabschiedet hat und der Herbst Einzug hält. Ich verfiel in eine melancholische Stimmung und in mir wuchs der Wunsch bald wieder zuhause zu sein.

Heute, nach dem Mittagessen, besuchte ich wieder Siena und schoss die geplanten Bilder vom Piazza die Campo (Europas schönster Platzanlage) mit dem dominierenden Palazzo Publico und seinem 102 Meter hohen Turm – der sogar von meiner Wohnung aus zu sehen ist – und von der Cattedrale di Santa Maria Assunta aus schwarzem und weißem Marmor.

Leider hat Goethe in seinem Buch der „Italienischen Reise“ über Siena und Mailand nichts mehr geschrieben.

Nach drei Stunden wurden die Menschenmassen immer mehr und ich machte mich wieder auf den Rückweg. Unweit von der Porta Camollia geht es beim Antiporto insgesamt neun steile und lange Rolltreppen und -bänder hinab zur Tiefgarage beim Bahnhof. Ein günstiger und guter Ausgangspunkt für einen Besuch des historischen Zentrums. Jetzt ist es Zeit für ein Abendessen und zum Planen des morgigen Sonntags – es geht weiter nach Florenz.

Assisi

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Geweckt wurde ich heute Morgen von einem anhaltenden Grunzen. Wildschweine? Der Campingplatz liegt zwar in einem Waldgebiet aber dass die bis zu den Campern kommen schien mir doch unwahrscheinlich. Ein Blick aus dem Auto klärte die Situation: das vermeintliche Wildschwein ist ein kleiner wuscheliger Hund meiner italienischen Nachbarn! Ein Grund, dass ich nochmals nach Assisi und nicht direkt nach Siena gefahren bin ist die Suche nach dem Weg, den Goethe von Assisi nach Foligno gegangen ist und ihn wie folgt beschreibt:


„Der Weg nach Foligno war einer der schönsten und anmutigsten Spaziergänge, die ich jemals zurückgelegt. Vier volle Stunden an einem Berge hin, rechts ein reichbebautes Tal.“

Blick auf Assisi

Nach zwei Stunden bergauf und bergab, mit schönen Aussichten auf Assisi, fand ich schließlich eine Stelle bei der ich dieselben Gefühle hatte wie Goethe.

Schweißgebadet aber zufrieden erreichte ich nach einer weiteren Stunde Assisi. Seit gestern ist die ganze Stadt im Ausnahmezustand. Es ist das Fest des heiligen Franziskus (er verstarb am 3. Oktober 1226). Etwas erschöpft von der langen Wanderung hielt ich mich sehr lange in der Stadt auf. Das Gelände um die Kirche des heiligen Franziskus glich einem Militärgelände. Überall Polizisten und mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten. Es sollen auch bekannte Größen der Politik im Ort sein. Die Ansprache und der Gottesdienst waren gerade zu Ende gegangen und eine nicht endend wollende Pilgerschar kam mir entgegen. Ich hielt noch ein paar Momente mit meinem Handy fest und begann meinen Rückzug. Wer schon einmal in Assisi war, kann mit mir mitfühlen: in der ganzen Stadt geht es entweder bergauf oder bergab, Treppen hoch oder runter, selten eine eben Stelle. So wurden meine Beine immer schwerer und ich war froh am Campingplatz angekommen zu sein. Nach einer erfrischenden Dusche begann ich bei angenehmen, sommerlichen Temperaturen in meinem Freiluftbüro, meine Beiträge für den Blog zu schreiben und meine Daten zu sichern jetzt freue ich mich auf einen abendlichen Besuch im hiesigen, sehr gemütlichen Ristorante und vielleicht wieder auf ein paar nette Begegnungen.

Bryan und Sheena

p.s. Kaum hatte ich meine Büroarbeit beendet kam ein netter älterer Mann an mir vorbei. Ich nutzte die Gelegenheit und bat ihn ein Foto von mir zu machen. Ich bedankte mich und wir wechselten noch ein paar Worte. Er erzählte mir, dass er früher auch einen Renault R4 gehabt hat. Kurze Zeit später kam seine Frau vorbei und wollte das Auto und mein „Open air Office“ sehen. Bryan und Sheena kommen aus York in England. Wir verabredeten uns zum Abendessen im Restaurant. Die Beiden sind echte Weltenbummler und mir scheint sie haben in ganz Europa Freund die sie regelmäßig besuchen. Sie waren jetzt zwei Monate in Griechenland und bleiben noch einige Wochen in Italien, bevor sie in Mannheim Freunde besuchen und von dort so nach und nach die Heimreise antreten. Wir tauschten unsere Reiseerlebnisse aus und als ich von Korfu erzählte war genug Gesprächsstoff für den Rest des Abends gesichert. Bryan und Sheena kennen die gleichen Orte, waren an denselben Badebuchten, kaufen ihr Korfubier auch direkt in der Brauerei, halfen auch schon bei der Wein- und Olivenernte mit und haben auch Freunde auf der Insel. Zum Schluss wurde es noch politisch und als die Sprache auf den Brexit kam sah man den beiden noch den Schock über den Wahlausgang an. I can’t believe it – it‘s terrible“ kam ständig aus dem Mund von Sheena. Die negativen Folgen des EU-Austritts bekommen die Briten jetzt schon deutlich zu spüren. Das Leben wird teurer, die Arbeitslosigkeit steigt und die Zukunftsangst sitzt vielen im Nacken. Voller neuer Eindrücke lag ich noch lange wach in meinem Camper. Morgen versuche ich erneut meinen Blog zu aktualisieren – gestern war die Internetverbindung vom Campingplatz zu schwach. Ich hoffe es klappt dieses Mal.

Wieder auf dem Festland

Dienstag, 3. Oktober 2017

Vielleicht war das der Grund unseres verspäteten Ausschiffen

Die Fähre war zwar pünktlich im Hafen angekommen aber aus irgendwelche uns nicht nachvollziehbaren Gründen war das Ausschiffen erst um 17.15 Uhr möglich. Eigentlich wollte ich noch bei Tagesicht in Assisi ankommen – das konnte ich jetzt vergessen. 193 lange Kilometer durch zum Teil sehr bergiges Gelände lagen vor uns. Nach zweieinhalb Stunden war ich dann endlich am Campingplatz Fontemaggio angekommen. Kurz eingecheckt, geduscht und dann ab ins Ristorante. Ich saß noch keine 10 Minuten, als sich ein Paar zu mir an den Tisch setzte. Von der ersten Sekunde an verstanden wir uns großartig. Paola aus Trient und Daniele aus Mailand sind mit ihren Motorrädern unterwegs. Sie versteht deutsch, doch sprechen tut sie sehr wenig dafür Englisch. Er spricht ein besseres englisch, dafür gar kein Deutsch. Trotz dieser Umstände hatten wir sehr gute, unterhaltsame Gespräche und es entstanden so manche kuriosen Satzgebilde, wie zum Beispiel: „I have cinque bambini zwei Söhne und 3 figlie“ oder „Wann ich komme per Langenau i will visite you“. Wenn gar nichts mehr ging wurde Google Übersetzer um Rat gefragt.  Sie waren sehr von meiner Goethereise angetan und ich musste viel von meinen bisherigen Erlebnissen erzählen. Wir haben viel gelacht und der Abend war sehr kurzweilig.

Überfahrt

Dienstag, 3. Oktober 2017

Das anfänglich störende, monotone Vibrieren der mächtigen Dieselmotoren, die auf dem ganzen Schiffe zu spüren waren, brachte mich dann doch zum Einschlafen. Mit einem Erkundungsgang durch das Schiff begann mein neuer Tag. Es war mild und die Sonne tauchte die Fähre in ein schönes, weiches Licht. Sie ist ein ins Alter gekommenes Schiff, das früher in Chania auf Kreta/Griechenland seinen Heimathafen hatte. Ein echter Oldtimer der so richtig zu uns passt. Die Klimaanlage scheint auch nicht mehr richtig zu funktionieren – was mir sehr entgegen kommt, denke ich nur an meine Hinfahrt im Eisschrank der super modernen Fähre Vicenzo Florio.


„Hat man sich nicht ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt und von seinem Verhältnis zur Welt. Als Landschaftszeichner hat mir diese große, simple Linie ganz neue Gedanken gegeben.“

Währen nur alle Motive so leicht umzusetzen gewesen wie dieses. Einfach raus aufs Schiffsdeck, Kamera auf Unendlich stellen und abdrücken – fertig!

Die meisten Passagiere sind Fernfahrer, was schon beim einschiffen der vielen LKW zu vermuten war. Mir scheint ich bin der einzige deutsche Tourist an Bord. Beim Mittagessen herrschte dementsprechend ein rauer, aber dennoch herzlicher Umgangston. Bärtige, stämmige Männer jeden Alters häuften sich Berge von Spaghetti und anderen Pastagerichten auf ihre Teller, das ich nur so staunte. Das ganze begleitet von lautstarkem Palaver. Als ich mit meinem Tablett an einem der Tische vorbeikam rief einer lautstark „tedesco“ (deutsch) wie ich den weiteren Sätzen entnehmen konnte ging es um unsere Kanzlerin „Anschela Märkel“ und „ob wir Deutschen keine richtigen Männer mehr haben und von einer Frau regiert werden müssen“. Großes Gelächter.

Ich setzte mich neben einen sehr seriösen, gut gekleideten Mann, den ich schon beim Einschiffen kennengelernt habe. Er fährt einen Leichenwagen und überführt einen Toten in seinen Heimatort auf dem Festland. Sein Auto steht neben meinem! Ich hoffe die beiden Automobile hatten eine ruhige Nacht.

Die Überfahrt verläuft ruhig und wir werden pünktlich um 16 Uhr in Civitavecchia anlegen. Für alle Kenner Goethes Italienischer Reise sei erwähnt, dass ich nicht wie er von Messina nach Neapel zurückreise. Erstens beschreibt Goethe Orte und Gebäude, die es wegen einiger schweren Erdbeben in Messina nicht mehr gibt. Zweitens war mir der Weg von Palermo Flughafen zurück nach Messina zu weit – ich hätte zu viel Zeit verloren. Und drittens habe ich Neapel und die umliegenden Orte bereits „abgearbeitet“. Somit lag es nahe bis nach Civitavecchia zu fahren und von dort weiter in die Toskana. Geplant ist eine Nacht in Assisi und dann weiter nach Siena.

 

Palermo – Bagheria – Termini Imerese

Montag, den 2. Oktober 2017

Im ersten Morgenlicht verließ ich mein Nachtquartier und fuhr Richtung Palermo Porto. Leider hatte die Rushhour schon begonnen. Wir, mein R4 und ich, quälten uns durch die Straßen der Stadt. Ständig hörte ich das Kühlgebläse meines Autos und ich litt mit ihm. Wer mal eine Lehrstunde in „wie fahre ich in einer Stadt“ haben will, der sollte nach Palermo kommen. Aus einer zweispurigen Straße werden plötzlich 4 oder 5 Spuren, das Rot der Ampel scheint niemanden zu interessieren und geparkt wird einfach dort wo es beliebt. Rechts vor links ist genauso ein Fremdwort wie Vorfahr achten und Einfädeln lassen. Wenn man sich aber mal an die „Regeln“ gewöhnt hat läuft es doch erstaunlich gut. Und bitteschön bei jeder Gelegenheit hupen! Gegenüber dem Porto Felice hoffte ich wieder einen Parkplatz zu finden. Weit gefehlt – alle belegt. Einige Afrikaner verdienen sich dort ein Taschengeld in dem sie dir einen freien Platz zeigen und vorgeben, das Auto zu bewachen. Da ich mit Schwarzen keine Berührungsängste habe bin ich auf einen jungen Mann zugegangen und habe ihn um Rat gebeten. Nach kurzem Wortwechsel und einer kleinen Gabe zeigte er mir einen Platz, den ich alleine nie gefunden hätte. Wie schon berichtet wollte ich auf einen Balkon im „Gasthaus“, wo Goethe gewohnt hat, um ein Bild über die Porta Felice hinweg zum Hafen zu machen. Letztes Mal hat es ja nicht geklappt. Am Eingang wurde ich von einer netten Dame in Uniform empfangen. Sie wies mich darauf hin, dass Ein Zugang zum Tribunale nicht gestattet sei. Das ehemalige Gasthaus ist also nicht Sitz einer Firma sondern ein Gerichtsgebäude. Leider verstand die resolute Uniformierte kein Englisch. Eine mittlerweile eintreffende Angestellte hat dann mein Anliegen, ein Foto vom ersten Stock des Hauses zu machen, gedolmetscht – aber leider ohne Erfolg. Irgendwie soll mir diese Aufnahme, sowie die Ansicht von Palermo vom Schiff aus, verwehrt zu bleiben.

So hätte ich mir das Foto gewünscht

Beim Brunnen Pretoria wiederholte ich einige Fotoaufnahmen und den Dom habe ich auch noch abgelichtet. Im selben Ristorante, wie beim letzten Mal, im Stadtteil Ballaró habe ich noch eine Kleinigkeit gegessen. Die Wolken wurden immer dichter und es begann zu regnen. Bei meiner Fahrt aus der Stadt nach Bagheria begleiteten mich sehr heftige Gewitter mit Starkregen. Die Folgen bekam ich noch später zu spüren. In Bagheria besuchte ich die Villa Pallagonia.


„Daß wir aber die Elemente der Tollheit des Prinzen Pallagonia vollständig überliefern, geben wir nachstehendes Verzeichnis. Menschen: Bettler, Bettlerinnen, Spanier, Spanierinnen, Mohren, Türken, Buckelige, alle Arten Verwachsene, Zwerge, Musikanten, Pulcinelle, antik kostümierte Soldaten, Götter, Göttinnen, altfranzösisch Gekleidete, Soldaten mit Patrontaschen und Gamaschen, Mythologie mit fratzenhaften Zutaten: Achill und Chiron mit Pulcinell. Tiere: nur Teile derselben, Pferd mit Menschenhänden, Pferdekopf auf Menschenkörper, entstellte Affen, viele Drachen und Schlangen, alle Arten von Pfoten an Figuren aller Art, Verdoppelungen, Verwechslungen der Köpfe. Vasen: alle Arten von Monstern und Schnörkeln, die unterwärts zu Vasenbäuchen und Untersätzen endigen …“

Der immer stärker werdende Regen machte es mir fast unmöglich das Gesehene in Bildern festzuhalten es gelangen mir nur sehr wenige brauchbare Aufnahmen – schade. Goethe musste sehr von diesem Ort angetan gewesen sein – widmete er doch diesem verrückten Schloss mehrere Seiten in seinem Tagebuch.

Bei nicht enden wollenden Niederschlägen erreichte ich um 19 Uhr Termini Imerese. Dort waren die Folgen der heftigen Gewitter deutlich zu sehen. Der Hafen, und somit auch die Zufahrt zu meiner Fähre, standen stellenweise einen halben Meter unter Wasser! Aus den Gullischächten schossen gewaltige Fontänen. Warten war angesagt. Gegen 21 Uhr zog sich das Wasser langsam zurück und ich konnte zum Parkplatz der GNV fahren. Um 23 Uhr begann das Imbarco. Kurz noch ein kleiner Drink in der Schiffsbar und es ging um 1.30 Uhr ins Bett. Dieses Mal leistete ich mir eine Kabine.

Alcamo – Monreale – Palermo

Sonntag, 1. Oktober 2017

Der Abschied am Flughafen fiel uns beiden schwer. Nun hatte ich nur noch die Stimme meiner „Navidame“ während der Fahrt im Auto. Im 40 Kilometer entfernten Alcamo suchte ich nach einer Stelle von der aus ich in Foto machen wollte, dass in etwa zu diesem Text Goethes passt.

„Die Lage von Alcamo ist herrlich auf der Höhe in einiger Entfernung vom Meerbusen, die Großheit der Gegend zog uns an. Hohe Felsen, tiefe Täler dabei, aber Weite und Mannigfaltigkeit.“  

Die Suche gestaltete sich schwieriger als erwartet und mein Auto musste so manche unbefestigte Straße bewältigen und ganz schön steile Wege erklimmen. Schließlich fand ich doch einen geeigneten Punkt.

Durch eine atemberaubende Berglandschaft, leider zum Teil mit sehr viel Müll an den Straßenrändern verschandelt, fuhr ich weiter zum Kloster San Martin. Auch dort war ein Standpunkt für ein gutes Foto schwer zu finden. Einige steile Meter bergan fand ich an einem Wallfahrtsort eine Stelle die einigermaßen geeignet war. Leider versperrten mir viele Bäume den Blick auf die Klosteranlage. Ein Spitze eines kleinen Baumes störte mich so sehr, dass ich kurzer Hand auf den Störenfried geklettert bin und dank meines Schweizer Offiziersmesser war dann das Problem gelöst. Nach einer wohlverdienten Erfrischung im Dorf machte ich mich zum nächsten Ziel auf: die weltberühmte Kathedrale von Monreale. Sie wurde 1174 von König Wilhelm II. gegründet und beherbergt das zweitgrößte Mosaik der Welt.

Wenige Kilometer vor diesem berühmten Ort bot sich ein toller Blick auf Monreale. Es gibt in der Stadt keine ausgewiesenen Parkplätze und so ereilte mich dasselbe Schicksal wie an den beiden Orten zuvor – die Suche nach einem geeignet Ort, diesmal die eines Parkplatzes. Nach ein paar Ehrenrunden in der Altstadt fand ich dann vor einem Supermarkt wie mir schien, der einzig freie in der ganzen Stadt.
Ich hatte Glück, der Dom war nur wenige Gehminuten entfernt. Das Glück blieb mir hold: Am ersten Sonntag im Monat sind in Italien die Eintritte in Museen und Sehenswürdigkeiten frei. Zuerst besichtigte ich den Innenhof des Klosters. Ein Kreuzgang samt Garten ist von einem Wandelgang mit 228 Säulenpaaren umgeben, die alle unterschiedlich ausgeführt und teils mit leuchtenden Inkrustationen verziert sind. Es war kurz nach 12 Uhr und ich wollte noch in die Kathedrale, die war aber für Besucher erst wieder ab 14.30 Uhr geöffnet. Also Mittagspause. Ich fand eine urige Bar mit einem noch urigeren Kneipier und noch urigeren Stammgästen – genau das richtige für mich. Ich fühle mich unter „einfachen“ Menschen immer sehr wohl. Zudem gab es dort nur eine Biersorte. Birra Moretti ist mittlerweile meine Lieblingssorte – fast so gut wie unser Hörvelsinger. Ein Wunderwerk erwartete mich im Inneren der Kathedrale. Die besten Mosaikleger der damaligen Welt haben hier unglaubliches vollbracht. Zuerst glaubt man, die ganzen Bildmotive seien Gemälde. Bei genauerem Hinschauen entdeckt man aber, das es unendlich viele kleine Mosaiksteinchen sind, die so wunderbar strahlen und die ganze Kirche in eine bezaubernde Lichtstimmung tauchen. Die Mosaiken haben eine Gesamtfläche von 6370 m² und es wurden für sie 2200 kg Gold verarbeitet!

Unweit des Doms eröffnete sich ein imposanter Panoramablick auf die Bucht von Palermo. Dabei wurde mir vor Augen geführt wie sich der Moloch Palermo vom Meer immer weiter ins Hinterland ausbreitet.

Dank des geringeren Straßenverkehrs am Sonntag verliefen die letzte Kilometer nach Palermo überraschen schnell und ohne Staus. Am Fuße des Monte Pellegrino (der heilige Berg Palermos) fand ich den Stellplatz Idea Vacanze.
Bevor ich mich in meinen „Camper“ zurückzog machte ich noch einen Abstecher in das angrenzende Stadtviertel. Ich fand ein ganz anderes Palermo vor, als an meinem ersten Besuch mit Petra vergangener Woche. Überall Müll, heruntergekommene Wohnsilos, und ein für meine Ohren unerträglicher Straßenlärm. Mir begegneten viele Menschen, denen man ansah, dass sie am Existenzminimum angekommen sind. Vor einer Kneipe wurde ich von einem älteren Mann in zerlumpten Klamotten angesprochen. Er wollte Geld von mir. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, habe er nichts zu essen. Geld wollte ich ihm nicht geben, aber ein Sandwich und ein kleines Bier haben wir dann zusammen in der Kneipe zu uns genommen – sehr zur Verwunderung der andern Gäste. Es entstand eine gemütliche Stimmung. Ein wenig italienisch und deutsch verbunden mit den verrücktesten Gesten brachten dann auch noch nette Gespräche zu Stande. Carlo drückte mir zu Abschied die Hand und aus seinem zahnlosen Mund kam ein sehr leises „grazie“.

Abschied in Terrasini

Samstag, 30. September 2015

Heute ist für Petra Rückreisetag. Beim Verladen der Koffer ins Auto zeigte sich unser „Schicksalsberg“ wolkenlos. Dieses Mal konnte man auch Ätnas Rauchfahne gut erkennen.


Von Fondachello aus führte uns die heutige Tour quer durch das Landesinnere. Bei Enna verließen wir die Autostrada und hofften einige Landschaftsbilder machen zu können , die zu Goethes Texten passen . Leider fanden wir keine die dem entsprachen. Vielleicht liegt es daran, dass Goethe im Frühjahr gereist ist und wir jetzt im Herbst! Nach circa 230 Kilometern ein Zwischenstopp in Cefalu. Petra wollte dieses sizilianische Highlight noch zum Abschluss ihres Urlaubes erleben.

Unterwegs machten wir noch einen Abstecher nach Termini Imerese – von dort fahre ich am Dienstag um 2 Uhr Nachts mit der Fähre nach Civitavecchia. Via Palermo ging es dann die letzten 115 Kilometer direkt nach Terrasini, einer Stadt unweit von Palermos Flughafen Falcone-Borsellino. Hier verbrachten wir noch unseren letzten gemeinsamen Abend.

Unser Unterkunft in der Via Vittorio Emanuele

Sonnenuntergang in Terrasini