Goethes Italienische Reise

Welch wunderlicher Plan sich nach mehr als 200 Jahren aufzumachen, um fotografisch auf Goethes Spuren durch Italien zu reisen und dabei genau nach dem Tagebuch des berühmten Dichters akribisch die Orte aufzusuchen, bei denen jener verweilte. Während Goethe damals noch sein künstlerisches Talent als Maler hinterfragte und als solcher unter dem Namen Johann Philipp Möller auf seiner „Italienischen Reise“ inkognito unterwegs war, wollte Helmut Schlaiß fotografisch Bilder, die der Dichter vielleicht in seinem Kopf entstehen sah, Wirklichkeit werden lassen. Das ist nicht ganz einfach, wenn man versucht die vergangenen Jahrhunderte zu überbrücken, sich immer wieder in eine ganz andere Zeit zu versetzen, um die Motive – die Motive des Dichters – so authentisch wie möglich wiederzugeben. Am besten lässt sich dies in Schwarz und Weiß realisieren. Damit konzentriert sich der Fotograf auf das Wesentliche. Solcherart Spurensuche wird nicht von der Farbe abgelenkt. Bunte Bilder verweigern sich der Geschichte und lenken das Auge des Betrachters vom Gesamteindruck des Motivs ab. Wie der Dichter möchte auch der Fotograf in Italien seine Kunst und seine innere Ruhe wiederfinden. Der umtriebige Alltag, die schnelle und lautstarke Welt lähmen damals wie heute die künstlerische Konzentration.

Goethe war ein gefeierter Dichter als er an den Weimarer Hof kam und er genoss das volle Vertrauen des jungen Herzogs Carl August. Als Geheimrat wurde dem Dichter das kleine Herzogtum bald zu eng und seine Arbeit zu eintönig. Sein literarisches Freiheitsgefühl revoltierte mehr und mehr gegen das einengende politische Alltagsgeschäft. Heimlich, um nicht fast schon überstürzt zu sagen, brach er von Karlsbad auf, um in das Land seiner Träume zu reisen. Er sollte zum Vorbild vieler Reisender werden, die sich nach ihm auf die Suche nach der Antike – der klassischen Welt – machen wollten. Der Bildungsreisende war geboren. Aber nicht nur das, Goethe trachtete danach mit sich selbst ins Reine zu kommen, er stand in der Mitte des Lebens und versuchte sich Gewissheit zu verschaffen, in dem er in der Besinnung auf sich selbst Klarheit in seine künstlerische Zukunft brachte. Auch für Helmut Schlaiß bedeutete diese fotografische Adaption der „Italienischen Reise“ eine Besinnung auf die Wurzeln seiner schöpferischen Arbeit. Nach Jahrzehnter langer Tätigkeit als Berufsfotograf in der Werbebranche, wollte er mit dieser selbstgestellten Aufgabe sein künstlerisches Vermögen ausloten.

Aus Goethe ist kein großer Maler geworden, was für die Kunst ein zu verschmerzender Verlust ist, der Dichter aber hat in Italien, seinem Arkadien, wieder zu sich gefunden. Er konnte zurückkehren nach Weimar, gewappnet für die Anfechtungen seiner politischen Ämter und voll von Poesie für neue literarische Werke. Der Fotograf Helmut Schlaiß, der mit Begeisterung dem Weg des Dichterfürsten folgte, fand in dem heutigen Italien für sich auch sein Traumland, in dem er mit seinen eindringlichen Schwarzweiß-Bildern Goethes Beschreibungen auf seine Art lebendig werden lässt.

Thomas Mahr

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